Typisch deutsch! Typisch türkisch ! Wieso?

Typisch deutsch! Typisch türkisch !

Was ist „Typisch deutsch“ … „typisch türkisch“? …wer kennt das nicht? Von sich selber und seiner eigenen Kultur sieht man so gerne das positive, wie „typisch deutsch, pünktlich, fleißig und zuverlässig“ oder als Türke „temperamentvoll, herzlich und gesellig“. Wirft man den Blick auf die Anderen, dann heißt es auf einmal „typisch deutsch, kalt und humorlos“ oder „typisch türkisch, laut und nur unter Ihresgleichen“. Das es besonders in den „typischen negativen Eigenschaften“ umso mehr Gegenbeispiele gibt, das übersieht man gerne schon einmal… schlimmer noch, nimmt es nicht mal wahr.

Ich bin in der glücklichen Lage zwischen den Stühlen zu stehen, stand dort aber nicht immer. Ich bin herkunfts-deutscher, habe in die türkische Kultur eingeheiratet und trage seither den türkischen Nachnamen meiner Ehefrau. Seitdem nehme ich die Welt um mich herum anders wahr. Menschen, die ich seit kleinen Ewigkeiten kenne und welche ich eigentlich immer als weltoffen und tolerant einstufte, fallen mir heute auf einmal in einem anderen Licht auf. Und ich war kein bisschen anders. Jetzt bin ich sensibilisiert für Aussagen und Floskeln, welche dem normalen Bürger gar nicht mehr auffallen, denn sie sind so tief in uns allen verankert und wir werfen mit einer solchen Selbstverständlichkeit damit um uns, daß uns gar nicht mehr auffällt, wie falsch, wie unfair und wie gefährlich diese sind. Wir werfen mit Freude am Stammtisch, am Arbeitsplatz und unter Freunden mit „Meinungen“ um uns, deren wackeliges Fundament auf Quellen wie der Bildzeitung und dem gehirn-aufweichenden TV-Nachmittagsprogramm basieren. Hier liest und sieht man nur zu gerne, wie der ach so arme deutsche um den Satus Quo kämpft, während es ihm selbst am unteren Ende der Gesellschaft immer noch besser geht , wie den meisten anderen Menschen in vielen Teilen dieser Erde. Ich möchte das gar nicht bagatellisieren… aber Beschweren(?), das können wir deutsche uns auf einem ganz besonders hohen Niveau!

Nachrichten, Zeitungen und Social Media

Gerne liest und sieht man dort auch den bösen Türken, wie er ein Musterbeispiel für fehlgeschlagene Integration in allen nur erdenklichen Farben malt und fleißig Ehrenmorde plant. So ein Quatsch! Doch den hart arbeitenden türkischen Nachbarn, der mit seinen deutschen Nachbarn am Esstisch sitzt und den daraus entstehenden herzlichen Freundschaften, oder den freundlichen und stets hilfsbereiten türkischen Arbeitskollegen, darüber berichtet keiner. Wer will so etwas schon lesen? Da machen sich die sensationsgeilen Konsumenten ja auch nichts draus… oder? Auch macht sich kaum einer die Mühe mal einen Schritt zurück zu tun, um sich das Bild im Ganzen anzusehen. Es ist halt viel einfacher und bequemer auf „alt bewährtes“ zu setzen, sich selber in die Opferrolle zu „denken“, wie die Möglichkeit einzuräumen selber etwas falsch zu machen, oder zumindest besser machen zu können. Selber mal zu denken, anstatt „denken“ zu lassen und anstatt mal einen Schritt auf einen Menschen zuzugehen, wird lieber wieder in die nie-verstaubende Floskelkiste gegriffen und ein überzeugtes „ach, dafür ist doch eh alles zu spät“ auf den Stammtisch geknallt. Schade und wirklich traurig ist das.

Ich glaube, jeder Mensch hat Vorurteile. Manche mehr, manche weniger, doch wirklich frei von diesen ist keiner von uns. Sicher hängt dies auch immer damit zusammen, in welchem Umfeld man aufwächst – doch dies soll und darf kein Freibrief für Ignoranz sein! Die Frage ist, wie gehen wir damit um und möchten wir diese Eigenschaft – also Menschen über einen Kamm zu schären – ablegen und uns weiterentwickeln. Und sind wir bereit uns zu öffnen und der möglicherweise unangenehmen Wahrheit, nämlich dass wir Menschen damit Unrecht tun, wenn wir diese alle in einen vorgefertigten Meinungstopf werfen, ins Auge zu blicken? Ich glaube: „JA, das sind wir!” Mehr noch, es ist gerade heute, in einer Zeit in der die Kulturen immer mehr ineinander übergehen und klare Grenzen immer schwieriger zu definieren sind sogar besonders wichtig solche Themen mal anzusprechen, seine eigenen Ansichten ordentlich zu überdenken und Dinge mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – mit dem eigenen Kopf und einem offenen Herzen.

Typisch deutsch! Typisch türkisch ! Typisch WerAuchImmer

Vorurteile sind unfair und bringen nichts als unnötige Distanz zwischen uns alle. Richtig und Wichtig ist doch, daß wir von den Kulturen, Religionen, den verschiedenen Menschen, deren Ansichten und Eigenheiten um uns herum in Wirklichkeit profitieren und das wir diese schätzen lernen sollten. Menschen sind Individuen und keine Socken, die man in Schubladen wirft. Egal wo Du und ich herkommen, am Ende gewinnen wir etwas hinzu, was uns bereichert und das Leben unterm Strich farbenfroher und abwechslungsreicher macht… wir müssen nur aufeinander zugehen.

In diesem Sinne: „Freunde, bitte legt die Bildzeitung endlich weg und geht aufeinander zu! Ihr werdet euch wundern, es gibt so viel um euch herum, das es Wert ist kennengelernt zu werden“.

Anmerkung von Orhan:  Da sollte sich auch das öffentlich rechtliche Fernsehen ein Beispiel nehmen und nicht nochmal die Soße aufkochen. Morgen Abend zu sehen: „Doppelpass, doppelt krass: Sind Türken wirklich willkommen?” Das ist das Thema der Sendung am Mittwoch (17. April), live um 22:30 Uhr bei log in auf ZDFinfo. 

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2 Kommentare zu „Typisch deutsch! Typisch türkisch ! Wieso?“

  1. Es gibt überall auf der Welt IgnorantInnen und weltunoffene MitbürgerInnen. Genauso, wie wir jedem Menschen unabhängig vom Geschlecht, Herkunft, Bildung, Lebensumstände, Alter, Einkommen oder sexueller Orientierung begegnen möchten, können wir Stellung beziehen, wenn das jemand nicht tut – zum Beispiel, wenn – wie mir vor ein paar Tagen passiert – eine “rechtschaffene” Deutsche mich auf der Nordstraße davon abbringen möchte, dass ich das Gespräch mit einem jungen türkischem Obdachlosen Musiker suche, weil er in ihren Augen es nicht “verdient” hätte, sondern vielmehr richtig frech sei…

    Ich habe lange als Sozialberaterin in Flingern-Süd gearbeitet und habe viele Familien kennengelernt: überall gibt es solche und solche, man erlebt täglich Überraschungen, wenn man wie David immer wieder offen auf jeden Menschen zugeht und zwischendurch mal die Perspektive wechselt! Auch, um dann vielleicht festzustellen, dass ich nicht alles gutheißen kann und meine Toleranz endlich, zum Beispiel, wenn eine Familie die 13jährige Tochter in der Heimat verheiraten möchte. Oder wenn eine deutsche Lehrerin einem türkischen Mädchen trotz lauter Einsen und Zweien auf dem Zeugnis keine Gymnasialempfehlung geben möchte – auch dagegen können wir unsere Stimme erheben.

    Jetzt freuen wir uns alle zusammen über den verloren geglaubten Frühling und das nächste leckere Essen – bei uns gibt es heute Abend Lachsfilet nur mit Salz, Pfeffer und Zitrone gewürzt und kleingeschnittenes Gemüse in wenig Olivenöl mit Knoblauch und Kräutersalz, beides im Ofen bei 200 Grad brutzeln lassen. Dazu einen leckeren gemischten Salat mit gerösteten Sesamkörnern in Olivenöl-Balsamico-Dressing. Das mögen auch meine Kinder sehr gerne!

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