Als die Anfrage von AY YILDIZ kam, habe ich erst einmal geschluckt. Neun Folgen, neun Menschen, die von ihrem Leben erzählen – und ich sollte eine davon sein. Mein erster Gedanke war ehrlich gesagt: Wer bin ich denn, dass ich hier für irgendjemanden sprechen könnte?
Ich bin sehr dankbar, meine eigene Geschichte erzählen zu dürfen. Die von einem Jungen aus Essen, aufgewachsen in Düsseldorf, dessen Vater Klischees hergestellt hat – im wörtlichen Sinne, als Lithograf. Und genau darum geht es in dieser Kampagne: nicht um die Geschichte, sondern um viele einzelne.
Inhaltsverzeichnis

Warum ich bei dieser Kampagne mitgemacht habe
Die Kampagne heißt „Echte Geschichten statt Bilder im Kopf“. In neun dokumentarischen Folgen erzählen Menschen mit türkischer Herkunftsgeschichte von ihrem Weg, ihren Umwegen und ihren Wendepunkten. Ohne Off-Stimme, die das Ganze erklärt. Ohne Statistik im Hintergrund.
Ich habe nur kurz überlegt, ob ich da mitmachen will. Debatten über Migration ermüden mich zwar inzwischen, ehrlich gesagt. Aber genau deshalb habe ich zugesagt: Wenn über uns geredet wird, ist es besser, wenn wir auch mal selbst reden. Nicht lauter. Nur konkreter. – Und weil ich weiß, wie viel Glück ich hatte. Das ist mir wichtig zu sagen, bevor hier irgendjemand denkt, das sei eine Erfolgsgeschichte zum Nachmachen. Es ist eine Geschichte. Mehr nicht.
Das Video ~ Folge 8
Knapp neun Minuten. Wenn ihr euch die Zeit nehmt: Alles Weitere hier unten sind die Fußnoten dazu – die Geschichten hinter den Sätzen, für die im Video kein Platz war.
Warum das „Stadt“ durchgestrichen ist

„Echte Geschichten Stadtstatt Bilder im Kopf“
Wenn ihr das Kampagnenmotiv seht, stolpert ihr vielleicht über ein Wort, das durchgestrichen ist. Aus Stadtbildern werden Stattbilder. Das ist kein Design-Gag. Das ist eine Antwort.
Am 14. Oktober 2025 stand Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Pressekonferenz mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke. Ein Journalist fragte ihn, was er gegen die Unzufriedenheit im Land und die hohen AfD-Umfragewerte tun wolle. Merz antwortete, man korrigiere Versäumnisse in der Migrationspolitik – und dann kam der Satz, an dem sich alles entzündete: „wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“. Deshalb bereite der Innenminister Rückführungen in großem Umfang vor.
Auf die Nachfrage, wie das gemeint sei und ob er etwas zurücknehme, konterte er, der Journalist solle mal „Ihre Töchter“ fragen, was er gemeint haben könnte – zurückzunehmen habe er nichts. Es folgten Tage der Empörung, Proteste in mehreren Städten und Kritik bis in die eigene Partei hinein: Der Vorsitzende des CDU-Sozialflügels hielt es für falsch, Probleme im Stadtbild allein auf Migration zurückzuführen; man rede nicht über Verhaltensweisen, sondern über Herkunft. Eine gute Woche später präzisierte der Kanzler, Migrantinnen und Migranten seien ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Landes.
Ich will hier gar nicht rekonstruieren, wie er es gemeint hat. Das weiß nur er. Was ich weiß, ist, wie es angekommen ist – bei meinen Kindern, bei Freunden, bei Leuten, die seit vierzig Jahren hier Steuern zahlen und plötzlich überlegten, ob sie mit „Stadtbild“ gemeint sind. Man kann über Kriminalität und über Sicherheitsgefühl reden, ohne dass Millionen Menschen sich fragen müssen, ob sie das Problem sind. Das ist mein ganzer Punkt.
Ich habe damals direkt reagiert, in unter einer Minute:
Und genau da setzt die Kampagne an. Nicht mit einer Gegenrede, sondern mit einem Tausch: statt Bildern im Kopf echte Geschichten. Neun Stück. Eine davon ist meine.
Integration heißt nicht anpassen
Integration ist für mich nicht, sich nur anzupassen, sondern etwas mitzubringen und etwas Neues zu erschaffen.
Orhan T.
Das ist der Satz, mit dem das Video beginnt, und er ist mir wichtiger als alles andere darin. Anpassung ist eine Einbahnstraße. Wer sich nur anpasst, gibt etwas ab und bekommt nichts dafür – und die Gesellschaft, in die er kommt, bekommt auch nichts.
Was mich interessiert, ist das, was dazwischen entsteht. Etwas, das es vorher in keiner der beiden Kulturen gab. Wir haben das mal an einem Weckmann durchgespielt: Der Doyçländer ist ein rheinischer Weckmann mit Pekmez und Sesam. Kein türkisches Gebäck. Kein deutsches. Ein drittes.

Der Döner ~ der wohl deutscheste Beweis
Das beste Beispiel liegt aber ohnehin an jeder Ecke. Der Döner, wie ihr ihn kennt – mit Krautsalat, mit Soße, im Fladenbrot – ist keine türkische Erfindung. Er ist hier entstanden. In der Türkei ist die Dönertasche deutlich puristischer: Zwiebeln, Sumach, Petersilie. Fertig.
Krautsalat und Soße sind der deutsche Beitrag. Das Fleisch am Spieß der türkische. Wenn ihr also einen Beweis dafür braucht, dass Kulturen zusammen etwas erschaffen können, das größer ist als beide Teile: Ihr esst ihn wahrscheinlich zweimal im Monat.
Mit dem Döner ist es allerdings kompliziert, und das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Er hat unsere Küche bekannt gemacht – und sie gleichzeitig auf Fast Food reduziert. Darüber haben wir hier ausführlicher geschrieben: Döner ~ ein Stück Anatolien im Fladenbrot und Döner macht schöner.
Mein Wunsch bleibt derselbe: dass neben dem Döner auch mal Kuru Fasulye Pilav in der Kantine steht.

Baba, die Druckerei und das Döner-Logo
Mein Vater, Mehmet Tançgil, war Klischeehersteller und Lithograf. Er hat in Westdeutschland eine der ersten türkischen Druckereien gegründet. In dieser Druckerei ist Anfang der 1980er eine Grafik für einen deutsch-türkischen Kalender entstanden: eine Figur, der man einen Dönerspieß in die Hand gezeichnet hat. Später kam der Schnauzbart dazu.
Aus dieser Grafik wurde das Logo, das später auf Papiertüten und Leuchtkästen von tausenden Dönerbuden landete. Ich habe die ganze Geschichte – so gut ich sie rekonstruieren konnte, nachdem Baba 2020 gestorben ist – in einem eigenen Artikel aufgeschrieben:
👉 Die Geschichte des Döner-Logos 🥙
Ich sage bewusst „so gut ich sie rekonstruieren konnte“. Es gibt Lücken. Baba hat vieles mit ins Grab genommen, und ich habe zu spät gefragt. Falls ihr das gerade lest und eure Eltern noch fragen könnt: Tut es. Heute.


Heimweh in Stuttgart ~ wie alles anfing
Angefangen hat KochDichTürkisch nicht mit einem Businessplan, sondern mit Hunger. Im Studium in Stuttgart hat mir die Küche gefehlt, mit der ich groß geworden bin. Also haben wir angefangen, selbst zu kochen – und dann irgendwann, Rezepte aufzuschreiben.
Zwanzig Jahre später sind daraus sieben Kochbücher geworden, über 800 Rezepte, ein Podcast (KüchenKültür), ein Laden in Düsseldorf-Flingern und eine Kochschule. Das klingt geplanter, als es war.
Die Motivation dahinter war irgendwann eine andere als Heimweh: Wir wollten einfach gesehen werden, bei der Arbeit, in den Schulen, im Supermarkt. Türkische Menschen haben in diesem Land ziemlich viel aufgebaut – und über das Essen lässt sich davon erzählen, ohne dass jemand die Abwehrhaltung hochfährt.
Zwei Kulturen sind kein Widerspruch
Ich werde regelmäßig gefragt, ob ich mich eher deutsch oder eher türkisch fühle. Ich habe irgendwann aufgehört, darauf zu antworten. Nicht aus Trotz, sondern weil die Frage schon die falsche ist. Sie zwingt zu einer Entscheidung, die im Alltag niemand trifft. Pluralität ist viel schöner.
Ich ziehe aus beiden Kulturen sehr viel. Das ist kein Balanceakt, das ist ein Reichtum. Und der Ort, an dem ich das am deutlichsten merke, ist der Esstisch: Wenn man sich die Schalen teilt, teilt man irgendwann auch die Geschichten. Darüber hat Orkide geschrieben: Die Magie des Teilens ~ wie die Meze-Kultur uns Menschen verbindet.
In unseren Kochkursen passiert das ständig. Da stehen Menschen nebeneinander am Tisch, rollen Teig, und nach zwei Stunden ist irgendetwas anders. Nicht weil jemand einen Vortrag über Vorurteile gehalten hätte. Sondern weil man zusammen etwas gemacht hat.
Und dahinter steht eine Generation, die das alles möglich gemacht hat, ohne je gefragt worden zu sein, wie es ihr dabei geht: 60 Jahre türkische Migration in Deutschland.
Was ich mir wünsche ~ Neugier und ab und zu Börek
Am Ende des Videos werde ich nach einem Wunsch gefragt. Meine Antwort war unspektakulär, und dabei bleibe ich: mehr Neugier. Weniger Ressentiment. Ein entspannteres Miteinander.
Und ganz konkret: dass ihr ab und zu mal zu Hause Börek macht. Das ist kein Witz und auch keine Werbung. Neugier fängt nicht bei großen Debatten an, sondern bei kleinen Handgriffen. Wer einmal Yufka-Blätter in der Hand hatte, redet anders über türkische Küche.
👉 Unsere beliebtesten Börek-Rezepte – such euch eins aus, es ist einfacher, als ihr denkt.
Erzählt eure Geschichte
Das Schöne an dieser Kampagne ist, dass sie nicht bei neun Folgen aufhört. Ihr könnt eure eigene Geschichte einreichen – egal, ob sie groß ist oder klein. Ein Weg, eine Hürde, ein Wendepunkt.
👉 Zur Kampagne „Echte Geschichten statt Bilder im Kopf“
Und wenn ihr mögt: Schreibt uns hier in die Kommentare, was euer „Döner-Moment“ ist. Also das eine Ding, bei dem zwei Kulturen bei euch etwas Drittes ergeben haben. Ich lese die sehr gerne.
Leckeres Essen macht glücklich & dieses Glück könnt ihr teilen.
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KochDichTürkisch ist eine Kochschule und Content-Plattform für türkische Rezepte, Warenkunde und Küchenkultur. In unseren Blogartikeln findet ihr Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Zutatenwissen und Küchentechnik. Handverlesene Produkte findet ihr im Online-Shop. Concept Store und Kochkurse findet ihr an unserem Standort in Düsseldorf.
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